• vorgestern
Die Insolvenzen in Deutschland sind auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren. Immer mehr Unternehmen geht die Puste aus. Warum ist das so? Und was könnte Firmenpleiten verhindern?

Kategorie

🗞
News
Transkript
00:00Bert Bicker erfasst ein Industrieunternehmen. Mit der 3D-Kamera fotografiert er einen Beschichtungsraum.
00:12Hightech hilft ihm, komplexe Industrieanlagen und deren materiellen Wert zu erfassen.
00:18Solche Arbeiten fallen für den Insolvenzverwerter immer häufiger an.
00:24Die Zunahme der Insolvenzfälle ist deutlich zu merken.
00:28Das spiegelt aus unserer Sicht natürlich auch die allgemeine wirtschaftliche Lage wider.
00:32Das heißt, wir haben in vielen Bereichen Liquiditätsklemmen.
00:36Wir haben Ergebnisklemmen.
00:38Wir haben sicherlich auch eine veränderte Bankenlandschaft,
00:41die dazu führt, dass Kredite weniger schnell ausgegeben werden.
00:45Und das alles führt natürlich im Rahmen einer Rezession auch zu mehr Insolvenzen.
00:53Alle Betriebsteile von Wert müssen erfasst werden.
00:56Das Insolvenzrecht in Deutschland stellt die Rettung von Unternehmen in den Vordergrund.
01:01Doch bei immer mehr Firmen gelingt das nicht.
01:04Dann muss Bert Bicker die Wertgegenstände zu Geld machen und über seine Internetseite versteigern.
01:142019 gab es in Deutschland weit über 18.000 Geschäftsinsolvenzen.
01:20Die Zahl ging 2021 zurück, ist aber seitdem wieder stark gestiegen auf über 22.000 Fälle im Jahr 2024.
01:30Die Insolvenzen von Privatpersonen gingen im Jahr 2020 leicht zurück auf 42.000 Fälle.
01:37Danach aber stieg sie wieder kontinuierlich an, auf über 72.000 Fälle im Jahr 2024.
01:47Anders läuft es in diesem Unternehmen im Nordosten Deutschlands mit 70 Angestellten.
01:53Ein Metallbetrieb, der solche Förderschnecken herstellt, erklärt mir der Chef.
01:58Hier erfasst der Insolvenzverwerter nur die Werte, damit der zukünftige Investor die Assets kennt.
02:05Denn den rettenden Geldgeber für die Firmensanierung hat der Geschäftsführer schon gefunden.
02:11Wir brauchen eine Kapitalspritze, ganz klar. Wir brauchen auch jemand mit guter Bonität dazu.
02:19Immer mehr Unternehmer befinden sich in Deutschland in der Klemme.
02:23Und die meisten Manager und Angestellten erleben die Insolvenz als extrem anstrengend.
02:29Ich kann Ihnen nur sagen, die Nächte waren kurz, weil meistens lange zu arbeiten war.
02:35Und wenn man dann im Bett war, schläft man schlecht oder wacht früh auf.
02:38Also es ist eine sehr harte Zeit.
02:40Die Gründe für die Insolvenz? Personalmangel, Inflation und hoher bürokratischer Aufwand.
02:46Und hohe Energiekosten seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine.
02:53Als Beispiel kann ich Ihnen sagen, dass wir halt vor dem Krieg, also im Jahr 21 und eigentlich auch noch 22 hindurch,
03:00mit einem Gesamtenergieaufwand von vielleicht 70.000 Euro im Jahr ausgekommen sind.
03:04Das hat sich dann mehr als verdoppelt im Jahr 2024 auf 146.000 Euro.
03:10Weiter geht die Reise bis zur Küste, zur Insel Usedom.
03:14Dort hat Tischlermeister Manfred Pohl einen Traditionsbetrieb aus der Insolvenz gerettet.
03:19In der Firma Korbwerk werden wieder Strandkörbe produziert.
03:27Im Sommer werden sie an den Strand gestellt und an Badegäste vermietet.
03:31Dieses Luxusmodell kostet 13.000 Euro.
03:38Ja, im Prinzip da bieten wir mit an, dass Massage mit eingearbeitet werden kann.
03:43Da kann man so verschiedene Stufen, verschiedene Möglichkeiten, kann sie nebenbei massieren lassen.
03:49Man kann sicherlich die Getränkemöglichkeiten, die man hat, mit einer Eiscrashwanne,
03:58wo man den Sekt kalt stellen kann, weil man dann gemütliches Beisammensein mit seiner Liebsten hat.
04:06Bis hin zu der Beleuchtung, die wir hier auch mit drin haben und eben auch Radio und Dings hier.
04:12Also eine Stereoanlage.
04:17Der Strandkorbhersteller war verschuldet auch wegen zu hoher Energiekosten.
04:21Es fehlte an modernen Maschinen.
04:23Jetzt haben die 13 Angestellten wieder zu tun. Die Auftragsbücher sind voll.
04:32Wenn man so lange Zeit, also drei Jahrzehnte, mit Strandkörbe arbeitet, dann lässt das nicht wieder los.
04:39Da träumt man nachts nachher noch im Bett. Das ist so.
04:44Die Strandkorbmanufaktur profitiert vom neuen Chef,
04:47denn dessen Tischlerei einige Kilometer weiter produziert nun alle Holzteile.
04:52Im Hauptgeschäft stellen sie Leisten her und Innenausstattungen für Yachten.
04:59Jetzt produzieren ihre computergesteuerten CNC-Fräsen und Sägen auch Bauteile für die Strandkörbe.
05:09Die Symbiose zwischen beiden Unternehmen ist ja im Prinzip, dass der Strandkorb 85 Prozent aus Holz besteht.
05:14Der ganze Fräsprogramm, der vorher per Hand einen Tag gedauert hat, läuft bei uns durch die CNC-Maschine innerhalb von 18 Minuten.
05:21Dann ist diese Strandkorbseite fertig.
05:24Jeden der 30 Angestellten will und muss der Chef behalten, denn Personalmangel ist gefährlich fürs Geschäft.
05:31Die Heizkosten können sie gering halten, weil sie ihre eigenen Holzabfälle verbrennen.
05:37Für die Sanierung der Strandkorbmanufaktur ist der Chef mit einigen hunderttausend Euro in Vorleistung gegangen.
05:47Jeder, der Unternehmer ist, der weiß, dass Sicherheit nirgends gibt.
05:51Das unternehmerische Risiko ist immer dabei, nach dem Motto.
05:54Das hat uns aber einfach so doll gereizt, dass ich sage, wir versuchen es trotzdem mal, dieses Unternehmen wieder an die Spitze zu bringen.
06:00Zum Schluss zeigt er uns den größten Strandkorb der Welt.
06:04An der Kurpromenade, hergestellt von seinen Leuten.
06:07Die nächste Badesaison beginnt bestimmt, und zwar mit ihren Strandkorbmodellen.
06:12Für manche Firmen gibt es ein Happy End.
06:15Für tausende andere Unternehmen geht die Insolvenzwelle in Deutschland weiter.
06:20Und es wird noch länger dauern, bis es wieder besser wird.

Empfohlen